Auf seine eigene Art
Nachdem Jacquelin schon die ganze Woche in brillanter Laufform gewesen war, wusste er, dass er heute das Tempo vorgeben kann. „Ich wollte das Rennen auf der Strecke auf meine Art angehen. Ich wusste, dass meine Laufform diese Woche passt. Im Rennen in Sjusjoen zu Saisonbeginn hatte ich beschlossen, auf Angriff zu laufen und keine Angst vor dem Schießstand zu haben. Gestern war ich sehr nervös, und heute wollte ich meinem Trainer und allen Fans zeigen ... um es mal direkt zu sagen, dass ich die Eier in der Hose habe! Ich bin sehr stolz!“
Emotional
Der heutige Sieg war der erste reguläre Saisonsieg im BMW IBU Weltcup für Jacquelin; alle bisherigen Siege waren Titel bei IBU Weltmeisterschaften. Es war in vielerlei Hinsicht ein emotionaler Tag. „Es ist so ein grandioses Gefühl. Vielleicht noch emotional geladener als der WM-Titel, weil meine Familie hier war. Nach der Verletzung war ich ziemlich angefressen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich das Niveau von vorher wieder erreichen und übertreffen kann. Heute ist es mir gelungen.“
Martin und der Angriff auf der zweiten Runde
Zu seinem Angriff auf der zweiten Runde sagte er: „Ich habe heute Morgen mit Martin (Fourcade) gesprochen und er hat gefragt, ob ich schon in der ersten Runde angreifen will, und ich habe gesagt, vielleicht in der zweiten. Ich wollte in der zweiten Runde angreifen, wenn ich ohne Fehler durchs Schießen komme. Ich habe beschlossen, es wie einen Sprint oder ein Einzel anzugehen. Einfach mein Rennen zu laufen. Da kann ich dann besser Schießen, mich konzentrieren.“
Weihnachten in Gelb
Das Sahnehäubchen und vorzeitige Weihnachtsgeschenk für Jacquelin war, dass er mit zwei Punkten Vorsprung Fillon Maillet das gelbe Trikot abknöpfen konnte. „Es ist fantastisch, wie viele Spitzenathleten um die Führung im Gesamtweltcup mitlaufen können ... Wir sind alle auf einem ähnlichen Niveau, aber die Rennen sind härter als je zuvor und alle liegen dicht beieinander in der Wertung. Wir werden sehen, wie es ausgeht, aber es ist spannend für die Zuschauer.“
Der Österreicher Felix Leitner blieb ohne Fehler und wiederholte mit dem vierten Platz sein bislang zweitbestes Ergebnis mit 15,6 Sekunden Rückstand. Vetle Sjaastad Christiansen aus Norwegen wurde mit einem Fehler und 16,4 Sekunden Rückstand Fünfter, während der Deutsche Johannes Kühn mit zwei Fehlern und 17,7 Sekunden Rückstand Platz sechs holte.
Die Bedingungen waren auch für den Massenstart der Männer, das letzte Rennen vor der Weihnachtspause, weiter hervorragend. Fillon Maillet in Gelb, JT und Samuelsson legten ein ambitioniertes Tempo vor und führten das Feld über die erste Runde zum ersten Liegendschießen. Die Führenden mussten allerdings alle in die Strafrunde, sodass Sivert Guttorm Bakken, Eduard Latypov und Fabien Claude nach je fünf Treffern eine Gruppe von neunzehn Startern mit der Null innerhalb von 18 Sekunden auf die zweite Runde führten. Jacquelin setzte sich sofort vom Feld ab und lag bei 4,5 km schon 14,5 Sekunden vor der Führungsgruppe. Er traf auch die nächsten fünf Scheiben im Liegendanschlag mit besonnenem Tempo und ging acht Sekunden vor Kühn wieder auf die Strecke, hinter ihnen Sturla Holm Laegreid und Tarjei mit 13 Sekunden Rückstand. Die fehlerfreie Führungsgruppe war auf zehn Männer innerhalb von 20 Sekunden hinter Jacquelin zusammengeschmolzen.
Auf der nächsten Runde setzte Jacquelin das Feld gehörig unter Druck und hatte sich bei 7,5 km schon 15 Sekunden abgesetzt. Er schoss auf Zeit im ersten Stehendanschlag, verfehlte aber einmal. Felix Leitner erhöhte auf 15 Treffer und ging 0,8 Sekunden hinter dem laufstarken Jacquelin auf die Strecke. Claude, Christiansen und Benjamin Weger lagen 3,2, 5,1 und 6,1 Sekunden zurück. Der Mann im gelben Trikot konnte nach zwei Fehlern im liegenden Anschlag gleich hinter der Stadionausfahrt wieder Boden gutmachen und zog an Weger vorbei auf Rang fünf mit nur 17 Sekunden Rückstand.
Nach einer weiteren rasanten Runde lag Jacquelin ein paar Sekunden vor dem jungen Österreicher, als sie zum entscheidenden letzten Stehendschießen kamen. Fillon Maillet, der sich mit eisernem Willen auf der Strecke wieder nach vorn gekämpft hatte, ging auf Bahn drei in den Anschlag. Der zweifache IBU Verfolgungsweltmeister mähte fünf Scheiben mit furiosem Tempo nieder und ging mit 11 Sekunden Vorsprung vor Leitner aus dem Schießstand, der auch alles getroffen hatte. Zwei Sekunden hinter ihm kamen Fillon Maillet, Christiansen und Tarjei.
Während Jacquelin davonstürmte, zogen Fillon Maillet und Tarjei an Leitner vorbei. 1500 m vor dem Ziel hatte Jacquelin 10,9 Sekunden Vorsprung vor seinem Mannschaftskameraden, Tarjei lag weitere 3 Sekunden dahinter. Auf der letzten Abfahrt ins Stadion nahm der führende Franzose mit strahlendem Lächeln das Tempo raus, griff sich eine französische Flagge und hielt sie fest umschlungen, bevor er sie im Zielbereich schwenkte und die Siegerfaust gen Himmel reckte. Der Mann im gelben Trikot komplettierte den französischen Doppelsieg, Tarjei belegte Rang drei.
„Von hinten aufgerollt“
Fillon Maillet sagte, er habe das Rennen heute „von hinten aufgerollt, nach den zwei Fehlern im ersten Schießen ... Ich hätte nie gedacht, dass es noch fürs Podest reicht ... Ich habe auf der Strecke alles herausgeholt, um Zeit gutzumachen ... Habe aufs Tempo gedrückt. Das war eine gute Entscheidung, weil ich ums Podest mitlaufen konnte. Es war ein harter Kampf auf der Strecke und ein harter Kampf am Schießstand ... Das letzte Schießen hat gezeigt, dass das Ergebnis erst feststeht, wenn man im Ziel ist.“
Tarjei mit seinen 33 Jahren sagte, es werde bei dem steigenden Leistungsniveau jede Saison schwieriger, und so habe sich das heute wie ein Sieg angefühlt. „Ich bin der alte Mann in diesem Zirkus. Das Niveau steigt jede Saison weiter. Das heute hat sich wie ein Sieg angefühlt, immerhin noch mal Rang drei. Das Leistungsniveau ist wirklich hoch, besonders mit den neuen Jungs wie Emilien, der einen Joker in den Armen hat. Der kann am Stand oder auf der Strecke echt angreifen. Man weiß nie, was kommt Das war ein toller Kampf mit ihnen.“
Fotos: IBU/Manzoni, Thibaut