Vierte wurde die Österreicherin Lisa Theresa Hauser, die nach zehn Treffern 24,5 Sekunden langsamer als Olsbu Roeiseland war. Kristina Reztsova (Russland) wurde mit einer Strafrunde und 26,7 Sekunden Rückstand Fünfte, Dzinara Alimbekava (Belarus) mit ebenfalls einem Schießfehler und 34,7 Sekunden Rückstand Sechste.
Biathlon in Perfektion
Olsbu Roeiseland strahlte im Ziel bis über beide Ohren. Zu ihrer fantastischen Leistung in den französischen Alpen meinte sie: „Ich bin überglücklich mit meinem heutigen Rennen. Das war fast Biathlon in Perfektion. Am Schießstand lief es richtig gut. Ich war absolut fokussiert und habe dann alle zehn Scheiben abgeräumt. Das war ein astreiner Wettkampf von mir.“
Für ihren herausragenden Saisonstart hatte die Norwegerin ebenfalls eine Erklärung parat: „Im letzten Jahr lief es nicht rund bei mir, aber ich habe viel daraus gelernt. In diesem Winter will ich einfach jedes Rennen genießen, mein Bestes geben und nicht viel über das Ergebnis nachdenken. Heute war ich völlig frei von unnötigen Gedanken. Mir war egal, dass ich Gelb trug oder wie meine Siegchancen standen. Ich wollte einfach das tolle Publikum an der Strecke genießen. Der Wettkampf hat mir viel Spaß gemacht. Darauf habe ich mein Hauptaugenmerk gelegt.“
Jede Sekunde genossen
Die Norwegerin freute sich über die frenetischen Fans im Schießstadion und an der Strecke: „Unglaublich! Hier sind so viele Leute und am Wochenende werden es wahrscheinlich noch mehr sein. Man versteht kaum sein eigenes Wort, weil sie so viel Lärm machen. Ich habe heute jede Sekunde genossen.“
Strahlend blauer Himmel und milde +3 °C prägten den ersten Wettkampftag in Frankreich. Dazu wehte ein schwacher Wind am Schießstand, sodass erstklassige Bedingungen herrschten. Die Tribünen waren vollgepackt mit begeisterten Zuschauern. An der Strecke standen die Fans teilweise sogar in Zweier- und Dreierreihen. Tiril Eckhoff ging am Ort ihres ersten Siegs im BMW IBU-Weltcup nach einem starken Liegendschießen vorzeitig in Führung, doch ein Fehlschuss im Stehendanschlag brachte sie am Ende um eine Podiumsplatzierung. Hauser und Bescond hielten sich liegend ebenfalls schadlos und lagen nur wenige Sekunden hinter der Norwegerin. Team Frankreich setzte seine starke Leistung im Liegendanschlag fort, als Chevalier-Bouchet sehr schnell alle Scheiben abräumte und in Führung ging – 0,2 Sekunden vor der ebenfalls fehlerfreien Alimbekava. Olsbu Roeiseland, die mit Startnummer 32 ins Rennen gegangen war, lag nach ihren fünf Treffern nur 5,9 Sekunden hinter der Spitze. Die noch später gestartete Dorothea Wierer klappte ebenfalls alle fünf Scheiben um und sicherte sich nach dem Liegendschießen die zweitschnellste Zeit.
Im Stehendschießen verfehlte Eckhoff eine Scheibe, während Hauser und Bescond souverän fünf weitere Treffer landeten. Die erfahrene Skijägerin aus Frankreich ging dabei zur Freude der heimischen Fans in Führung. Elvira Oeberg, die liegend noch zwei Mal danebenschoss, zündete beim zweiten Schießen den Turbo und ging nur 19 Sekunden hinter Bescond auf die Schlussrunde. Olsbu Roeiseland erhöhte in der zweiten Runde das Tempo und kam nur 0,8 Sekunden hinter Alimbekava zum zweiten Schießen des Tages. Nach einer wahren Schnellfeuereinlage und fünf Treffern erkämpfte sich die Norwegerin dann einen 14-Sekunden-Vorsprung aufs restliche Feld.
Hauser zeigte eine starke Laufleistung in der letzten Runde, doch direkt hinter hier sprintete die hoch motivierte Bescond 3,7 Sekunden vor der Österreicherin auf den zwischenzeitlichen Platz an der Sonne. Die auf den letzten 2,5 Kilometern wie entfesselt laufende Elvira Oeberg kam zwar nicht mehr an die Französin heran, setzte sich im Ziel allerdings vor Hauser.
Gute Renneinteilung von Oeberg
Die 22-jährige Schwedin vertraute trotz eines wenig verheißungsvollen Starts ihren Fähigkeiten: „Das war kein perfektes Schießen von mir. Mit zwei Fehlern bin ich nicht zufrieden. Dafür freue ich mich riesig über meine Laufleistung. Ich denke, ich habe mir das Rennen sehr gut eingeteilt und mich an meinen Plan gehalten. Ich wollte nicht zu schnell angehen, ein gutes Stehendschießen hinlegen und in der Schlussrunde alles geben. Zurzeit muss ich kein perfektes Rennen abliefern, um ein gutes Ergebnis einzufahren. Dadurch gewinne ich viel Ruhe und Selbstvertrauen.“
Gegen Olsbu Roeiseland kam auf der Schlussrunde niemand mehr an. Die Norwegerin setzte sich ausgangs des Stadions an die Spitze und baute ihren Vorsprung 500 Meter vor Ultimo auf 17,5 Sekunden gegenüber Bescond aus. Im Ziel hatte sie 15,4 Sekunden Vorsprung auf die Französin und feierte so ihren ersten Sprinterfolg der Saison 2021/22.
Die leicht angeschlagen ins Rennen gegangene Bescond stand zum zweiten Mal in diesem Winter auf dem Treppchen, nachdem sie zuvor in einem Einzelrennen gut zwei Jahre auf eine Podiumsplatzierung warten musste. Das Publikum spornte sie einerseits an, bereitete ihr zunächst aber auch etwas Sorge. „Gestern hatte ich etwas Ehrfurcht vor den Fans. Ich weiß, dass sie richtig Alarm machen können. Das kann dich manchmal etwas aus der Ruhe bringen, wobei ich unterm Strich eher positive Energie daraus ziehe. Beim Aufwärmen war mir noch etwas mulmig, da ich mich nicht so gut fühlte. Doch dann habe ich all die Menschen gesehen, das hat mir einen richtigen Schub gegeben. Nach meiner letzten Patrone war ich richtig happy und habe alles gegeben, um so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen.“
Photos: IBU/Christian Manzoni